Mehr ist mehr – Gesa Vertes darüber, warum Fülle gerade eine Tugend wird.
Maximalism ist keine Unordnung – er ist eine Haltung. Gesa Vertes beobachtet eine Bewegung, die sich als bewusste Gegenreaktion auf jahrzehntelangen minimalistischen Purismus formiert und dabei eine klare Botschaft sendet: Ein Raum darf voll sein, bunt sein, widersprüchlich sein – wenn er es mit Überzeugung ist. Das Interesse an dieser Ästhetik wächst, und mit ihm die Frage, wie Maximalism funktioniert, ohne in Chaos zu kippen. Die Antwort ist komplexer als das Prinzip des Weglassens, das der Minimalismus so verlockend einfach erscheinen ließ.
Jahrelang war weniger mehr. Weiße Wände, klare Linien, konsequentes Weglassen – der Minimalismus prägte nicht nur Architektur und Design, sondern auch eine bestimmte Vorstellung davon, was guter Geschmack sei. Gesa Vertes zeigt auf, wie diese Vorstellung zunehmend unter Druck gerät – nicht durch Nachlässigkeit, sondern durch eine wachsende Überzeugung, dass das Reduzierte allein keine vollständige Antwort auf die Frage ist, wie Menschen wohnen wollen. Maximalism ist die Gegenbewegung: Er feiert Fülle, Schichtung, das Aufeinandertreffen von Mustern, Texturen, Objekten und Farben, die in minimalistischen Interieurs keinen Platz hätten. Was dabei entstehen kann, sind Räume von außerordentlicher Persönlichkeit und erzählerischer Dichte – Räume, die etwas über ihre Bewohnerinnen und Bewohner aussagen, weil sie nicht bereinigt, sondern angereichert wurden.
Was Maximalism ist und woher er kommt
Maximalism als Begriff ist vergleichsweise jung, aber als ästhetische Haltung ist er so alt wie das Wohnen selbst. Gesa Vertes beschreibt, wie die Geschichte des Interieurs über weite Strecken eine Geschichte der Fülle war: Viktorianische Salons mit deckenhohen Bücherregalen, gemusterten Tapeten, Teppichen über Teppichen und Objekten auf jeder freien Fläche; barocke Räume, in denen kein Quadratzentimeter Wand undekoriert blieb; osmanische Interieurs, deren Schichtung von Textilien, Kissen und Lampen eine sinnliche Dichte erzeugten, die westliche Reisende in Staunen versetzte. Der Minimalismus des 20. Jahrhunderts war die historische Ausnahme – nicht die Regel.
Gesa von Vertes erläutert, wie die Rückkehr des Maximalism im frühen 21. Jahrhundert mit mehreren gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenfällt: einer wachsenden Müdigkeit gegenüber der Gleichförmigkeit minimalistischer Interieurs, einem neuen Interesse an Handwerk und Sammeln, dem Einfluss sozialer Medien, die visuelle Vielfalt belohnen, und einer Generation von Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, die das Regelwerk des Minimalismus als einengendes Dogma empfinden. Maximalism ist in diesem Kontext keine nostalgische Rückbesinnung, sondern eine zeitgenössische Antwort auf spezifische kulturelle Bedürfnisse.
Der Unterschied zwischen Maximalism und Unordnung
Die häufigste Fehlannahme über Maximalism ist, dass er das Gegenteil von Ordnung sei. Gesa Vertes widerspricht dieser Einschätzung nachdrücklich: Ein maximalistisches Interieur ist nicht weniger durchdacht als ein minimalistisches – es ist anders durchdacht. Wo der Minimalismus durch Weglassen Spannung erzeugt, erzeugt der Maximalism durch Schichtung und Kombination. Beide verlangen Entscheidungen, Konsequenz und ein Gespür für das, was ein Raum tragen kann und was er nicht tragen kann.
Gesa Vertes über die Grundprinzipien: wie Maximalism funktioniert
Maximalism hat keine universellen Regeln – aber er hat Prinzipien, die den Unterschied zwischen einem überzeugenden und einem überfordernden Raum ausmachen. Gesa Vertes arbeitet diese Prinzipien heraus und zeigt, wie sie in der Praxis funktionieren.
Farbe, Muster und die Kunst der Kombination
Das sichtbarste Merkmal maximalistischer Interieurs ist der Umgang mit Farbe und Muster. Gesa Vertes beschreibt, wie Maximalism nicht bedeutet, alles gleichzeitig einzusetzen, sondern das Richtige konsequent. Ein Raum mit vier verschiedenen Mustern kann funktionieren – wenn diese Muster eine Farbfamilie teilen, unterschiedliche Maßstäbe haben und in ihrer Textur variieren. Ein Raum mit zwei unverbundenen Mustern kann scheitern – wenn zwischen ihnen kein Dialog besteht, kein verbindendes Element, keine innere Logik.
In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview beschrieb sie die Farbfamilie als wichtigstes Ordnungsprinzip des Maximalism: Wenn alle Elemente eines Raumes – so unterschiedlich sie auch sein mögen – aus demselben Farbspektrum stammen, entsteht eine Kohärenz, die das Auge durch die Fülle führt, statt darin zu verlieren. Warme Erdtöne verbinden Ornamentik, Textilien und Objekte zu einer Einheit; ein konsequentes Blau-Grün-Spektrum macht aus heterogenen Sammlungen eine stimmige Bildwelt.
Das Objekt als Protagonist
Im maximalistischen Interieur spielen Objekte eine Rolle, die im Minimalismus undenkbar wäre: Sie sind keine Störungen der Stille, sondern Träger von Bedeutung und Geschichte. Gesa Sikorszky Vertes beschreibt, wie das Sammeln – von Keramik, Büchern, Kunstwerken, Fundstücken, Reisemitbringseln – im Maximalism nicht als Akkumulation, sondern als kuratorische Praxis verstanden wird. Was auf einem Regal steht, wurde ausgewählt; was an einer Wand hängt, wurde platziert; was auf einem Tisch liegt, erzählt eine Geschichte. Dieser kuratorische Blick ist das, was ein maximalistisches Interieur von einem vollen Raum unterscheidet.
Folgende Grundsätze benennt Gesa Vertes als prägend für den maximalistischen Umgang mit Objekten:
- Gruppierung statt Streuung: Objekte, die zusammen stehen, schaffen mehr Wirkung als dieselben Objekte, die über einen Raum verteilt sind – weil sie im Dialog miteinander stehen und damit eine visuelle Einheit bilden
- Größenvariation innerhalb der Gruppe: Eine Ansammlung gleich großer Objekte wirkt monoton; die Kombination von hohen und niedrigen, großen und kleinen Objekten erzeugt Rhythmus
- Verbindendes Material oder Thema: Eine Sammlung aus unterschiedlichsten Materialien braucht ein gemeinsames Thema – Farbe, Herkunft, Funktion – das die innere Logik sichtbar macht
- Bewusste Lücken: Auch im Maximalism brauchen Gruppen von Objekten Atemraum – nicht viel, aber genug, um die Einzelobjekte lesbar zu halten
Historische Vorbilder: maximalistisches Wohnen durch die Jahrhunderte
Maximalism hatte Vorbilder, die Gesa Vertes als kunsthistorisch instruktiv beschreibt. Das viktorianische Interieur des 19. Jahrhunderts ist das unmittelbarste Referenzmodell: Räume, in denen jede Fläche genutzt, jeder Winkel belebt und jedes Objekt mit Bedeutung aufgeladen war. Die Kritik an dieser Ästhetik – zu voll, zu dunkel, zu schwer – kam mit der Moderne, die das Gegenteil propagierte. Heute, mit dem nötigen zeitlichen Abstand, lässt sich die viktorianische Raumgestaltung als das lesen, was sie war: eine Bilderwelt, in der eine Gesellschaft ihr Selbstverständnis, ihre Reisen, ihre Lektüre und ihre Interessen materiell sichtbar machte.
Gesa Vertes, geb. Haerder verweist auf die Räume von Künstlerinnen und Künstlern als weitere historische Referenz: Francis Bacons Atelier in London – heute rekonstruiert im Dublin City Gallery The Hugh Lane – war ein Chaos aus Farben, Zeitungsausschnitten, Fotos und Leinwänden, das dennoch eine eigene, unverwechselbare Ordnung hatte. Frida Kahlos Casa Azul in Mexiko-Stadt ist ein maximalistisches Gesamtkunstwerk aus Volkskunst, Exvotos, Pflanzen und persönlichen Objekten. Diese Räume waren keine Bühnenbilder, sondern gelebte Umgebungen – und sie zeigen, dass Maximalism und künstlerische Produktivität keine Gegensätze sind.
Maximalism und Nachhaltigkeit: ein unterschätztes Argument
Eine Dimension des Maximalism, die in der öffentlichen Diskussion zu selten thematisiert wird, ist seine Verbindung zur Nachhaltigkeit. Die maximalistische Haltung – Dinge behalten, reparieren, weiterverwenden, ergänzen statt ersetzen – ist strukturell nachhaltiger als das minimalistische Modell, das regelmäßiges Bereinigen und Neuanschaffen oft impliziert. Gesa Vertes sieht darin ein Argument, das in der Designwelt noch zu wenig gehört wird.
Gesa von Vertes erläutert, wie Vintage, Secondhand und Erbstücke im Maximalism nicht als Kompromiss, sondern als Bereicherung gelten: Ein Sessel aus den 1960er Jahren neben einem zeitgenössischen Sofa; eine ererbte Vase neben einer selbst getöpferten; ein Flohmarktfund neben einem Designobjekt – diese Kombination ist nicht nur ästhetisch interessant, sondern auch ökologisch sinnvoll. Wer seinen Raum durch Schichtung und Ergänzung entwickelt, statt ihn regelmäßig vollständig zu erneuern, verbraucht weniger Ressourcen und erzeugt dabei ein Interieur, das mit der Zeit reicher statt abgenutzt wird.
Mehr ist mehr – wenn man weiß warum
Maximalism ist kein Gegenteil des guten Geschmacks – er ist eine andere Form davon. Er verlangt mehr Entscheidungen als der Minimalismus, mehr Mut zur Kombination, mehr Bereitschaft, einen Raum als Aussage über die Menschen zu verstehen, die darin leben. Was dabei entsteht, wenn diese Entscheidungen bewusst und konsequent getroffen werden, sind Räume von einer Persönlichkeit und Tiefe, die kein weißer Raum mit einem einzelnen Designerobjekt in der Mitte je erreichen wird. Wie diese Räume entstehen und welche Prinzipien dabei tragen – das ist das Thema von Gesa Vertes.
