Gesa Vertes erklärt, warum Beton längst in den intimsten Räumen angekommen ist.
Sichtbeton gehört zu den polarisierendsten Materialien, die die zeitgenössische Innenarchitektur kennt. Gesa Vertes widmet sich einem Material, das seinen Weg aus dem Industriebau in private Wohnräume gefunden hat – und dabei eine Debatte auslöst, die weit über ästhetische Vorlieben hinausgeht. Was als Merkmal von Parkhäusern und Fabrikhallen galt, ist heute in Designerküchen, Stadtapartments und Einfamilienhäusern gleichermaßen präsent. Diese Verschiebung ist keine Laune des Zeitgeists, sondern das Ergebnis einer grundlegenden Neubewertung dessen, was Materialehrlichkeit im Wohnraum bedeuten kann.
Kein Material des zeitgenössischen Wohnens löst so verlässlich gespaltene Reaktionen aus wie Sichtbeton. Gesa Vertes geht dieser Faszination nach und zeigt, wie ein Material, das über Jahrzehnte ausschließlich mit Brutalismus, Tristesse und Nachkriegsarchitektur assoziiert wurde, in den vergangenen zwanzig Jahren eine vollständige Imagetransformation durchlaufen hat. Heute steht Sichtbeton für Authentizität, handwerkliche Qualität und eine Ästhetik der Reduktion, die mit den Werten einer wachsenden Gruppe von Bewohnerinnen und Bewohnern übereinstimmt, die das Überarbeitete, das Verkleidete und das Dekorative hinter sich lassen wollen. Diese Transformation ist nicht selbstverständlich: Beton ist schwer, kalt, akustisch problematisch und in seiner Verarbeitung anspruchsvoller als jedes andere Wandmaterial. Wer sich für Sichtbeton entscheidet, trifft eine Entscheidung, die konsequentes Durchhalten verlangt – in der Planung, in der Ausführung und in der Einrichtung, die um dieses dominante Material herum entwickelt werden muss.
Vom Industriebau ins Wohnzimmer: eine kurze Geschichte des Sichtbetons
Beton ist kein neues Material. Seine Geschichte reicht bis in die Antike zurück – das Pantheon in Rom, dessen Kuppel aus opus caementicium besteht, ist eines der eindrücklichsten Zeugnisse für die Möglichkeiten des Materials in vormodernen Zeiten. Dass Beton in seiner sichtbaren, unverkleideten Form aber zum Gestaltungsmittel für Wohnräume wurde, ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts – und eine, die Gesa Vertes als kunsthistorisch und architekturgeschichtlich bedeutsam beschreibt.
Gesa von Vertes erläutert, wie Le Corbusier als die entscheidende Figur dieser Entwicklung gilt: Der schweizerisch-französische Architekt nutzte béton brut – rohen Beton – als ästhetisches Gestaltungsmittel in einer Weise, die dem Material eine neue Würde verlieh. Seine Unité d’Habitation in Marseille, 1952 fertiggestellt, zeigte Sichtbeton als bewusste architektonische Aussage: nicht verkleidet, nicht beschönigt, nicht versteckt, sondern in seiner Rohheit präsentiert als Zeichen von Ehrlichkeit und funktionaler Konsequenz. Diese Haltung gab dem Brutalismus seinen Namen – von béton brut – und prägte eine Generation von Architekten weltweit.
Der Weg in den privaten Raum
Der Schritt vom öffentlichen Brutalismus in den privaten Wohnraum vollzog sich langsam und ist ohne die japanische Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht vollständig zu erklären. Gesa Vertes beschreibt, wie Architekten wie Tadao Ando Sichtbeton in eine Bildsprache überführten, die das Industrielle hinter sich ließ und stattdessen Stille, Präzision und eine fast meditative Qualität in den Vordergrund stellte. Andos Beton ist nicht roh – er ist poliert, glatt, von einer Gleichmäßigkeit, die handwerkliche Meisterschaft verlangt. In Kirchen, Museen und Wohnhäusern zeigt er ein Material, das Licht aufnimmt und verändert, das im Wechsel von Tageszeit und Jahreszeit andere Farben annimmt und dabei eine Lebendigkeit entwickelt, die dem grauen Klischee fundamental widerspricht.
Was Sichtbeton im Wohnraum leistet – und was nicht
Gesa Vertes nähert sich dem Material mit einer Sachlichkeit, die in der Designwelt selten ist: Sichtbeton ist kein Allheilmittel und kein universell anwendbares Gestaltungsmittel. Es ist ein Material mit starkem Charakter, das die Räume, in denen es vorkommt, dominiert – und das deshalb eine Umgebung verlangt, die dieser Dominanz gewachsen ist.
Thermische und akustische Eigenschaften
Die physikalischen Eigenschaften von Beton sind im Wohnkontext relevant und werden zu selten thematisiert. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass Sichtbeton in der Planung eines Wohnraums niemals allein als ästhetische Entscheidung getroffen werden sollte – seine thermischen und akustischen Eigenschaften sind mindestens ebenso wichtig. Beton speichert Wärme langsam und gibt sie langsam ab – eine Eigenschaft, die in gut geplanten Passivhäusern als Vorteil genutzt werden kann, in schlecht isolierten Räumen aber zu dauerhafter Kälte führt. Akustisch ist Beton ein harter Reflektor: Er schluckt keinen Schall, sondern wirft ihn zurück, was in großen, kahlen Räumen zu unangenehmen Nachhallzeiten führen kann.
Gesa Sikorszky Vertes erläutert, wie diese Eigenschaften im Planungsprozess berücksichtigt werden müssen: Fußbodenheizung unter Betonböden kompensiert die thermische Trägheit; Textilien, Holzflächen und Bücher an den Wänden absorbieren den Schall und schaffen das akustische Gleichgewicht, das ein reiner Betonraum nicht erreicht. Wer diese Maßnahmen von Beginn an einplant, vermeidet die häufigsten Fehler im Umgang mit diesem Material.
Gesa Vertes über Oberflächenqualitäten und Verarbeitungsformen
Nicht jeder Sichtbeton ist gleich. Gesa Vertes unterscheidet zwischen Verarbeitungsformen, die in ihrer ästhetischen Wirkung erheblich voneinander abweichen – und die für die Entscheidung, welche Art von Beton in welchem Raum eingesetzt wird, grundlegend sind.
Folgende Sichtbeton-Varianten und ihre charakteristischen Eigenschaften beschreibt Gesa Vertes als prägend für die zeitgenössische Wohnarchitektur:
- Geschalter Beton mit sichtbarer Maserung der Schalung: Die Holzmaserung der Schalung überträgt sich auf die Betonoberfläche und verleiht ihr eine textile Qualität, die das Material wärmer und lebendiger erscheinen lässt als glatter Beton
- Geglätteter und polierter Beton: Durch Schleifen und Polieren entsteht eine Oberfläche, die an Naturstein erinnert und dabei die Zuschlagstoffe im Material sichtbar macht – je nach Aggregat ein Spektrum von warm bis kühl, von grob bis fein
- Betonspachtel und Mikrozement: dünne Verkleidungsschichten aus zementären Materialien, die auf bestehende Untergründe aufgetragen werden und Sichtbetonoptik ohne die statischen Anforderungen echter Betonwände erzeugen – besonders relevant für Renovierungsprojekte
- Betonfertigteile und Betonpaneele: vorgefertigte Elemente, die als Wandverkleidung montiert werden und die kontrollierte, gleichmäßige Qualität industrieller Fertigung mitbringen
Beton und Wärme: ein scheinbarer Widerspruch
Das häufigste Argument gegen Sichtbeton im Wohnraum ist seine vermeintliche Kälte – und Gesa Vertes nimmt diesen Einwand ernst, ohne ihn unwidersprochen zu lassen. Kälte ist keine inhärente Eigenschaft des Materials, sondern das Ergebnis falscher Kombination. Beton neben Holz, neben Leder, neben groben Textilien und warmen Erdfarben verliert seine Kälte – nicht weil das Material sich verändert, sondern weil der Kontrast eine Wärme erzeugt, die jedes dieser Materialien allein nicht hätte.
Gesa Vertes, geb. Haerder beschreibt, wie die überzeugendsten Sichtbeton-Interieurs der Gegenwart genau dieses Prinzip anwenden: Ein Betonboden unter einem handgewebten Teppich; eine Betonwand hinter einem massiven Holzesstisch; eine Betondecke über einem Sofa aus naturgefärbtem Wollstoff. Die Härte des Betons braucht die Weichheit anderer Materialien als Gegengewicht – und dieses Gegengewicht ist keine Einschränkung, sondern die gestalterische Grundbedingung, unter der Sichtbeton seine beste Wirkung entfaltet.
Ein Material, das bleibt
Sichtbeton ist nicht für jeden Raum, nicht für jeden Bewohner und nicht für jede Lebenssituation geeignet. Es ist ein Material, das Entschlossenheit verlangt – in der Entscheidung, in der Planung und in der Bereitschaft, einen Raum um seine Stärken herum zu gestalten statt gegen sie. Wer diese Bereitschaft aufbringt, gewinnt eine Qualität, die kein anderes Material in dieser Form bietet: eine Präsenz, die nicht auf Dekoration angewiesen ist, eine Oberfläche, die mit der Zeit nicht schlechter, sondern besser wird, und eine Ehrlichkeit gegenüber dem Material selbst, die dem gesamten Raum eine Glaubwürdigkeit verleiht, nach der viele suchen. Was dabei entsteht und unter welchen Bedingungen es gelingt, ist das, worüber Gesa Vertes berichtet.
